Auswahl für das Digitalisierungsprojekt
Die Fotosammlung besitzt noch weitere Fotografien im Format der Carte de Visite oder Carte de Cabinet. Für das Digitalisierungsprojekt wurde ein Teil ausgewählt, der nicht auf einen größeren Karton (Archivkarton) geklebt worden war und sich lange Zeit lose in der Sammlung befand. Diese Positive stammen einerseits aus einem Konvolut, das 2009 von Elisabeth Egger, damals Leiterin des Objekthandlings am Volkskundemuseum Wien, als sogenannter „Objektrückstand“ inventarisiert wurde. Andererseits wurden ab 2019 große Mengen an Cartes de Visite und Cabinet durch die Mitarbeiterinnen der Fotosammlung Astrid Hammer und Katharina Zwerger-Peleska sowie der damaligen Praktikantin Ines Tönnissen gesichtet und inventarisiert. Durch das Digitalisierungsprojekt konnte dieser Bestand nun professionell gescannt, beforscht und in der Online Sammlung Plus zugänglich gemacht werden.
Standardformat
Das Standardformat der Cartes de Visite und Cartes de Cabinet wurde zumeist von Berufsfotograf:innen ab den 1860ern benutzt. Diese Standardisierung hatte für die Fotograf:innen vor allem wirtschaftliche Vorteile. Es vereinfachte die Herstellung und den Vertrieb ihrer Produkte. „Den Vertrieb besorgten sie (Anm.: Fotograf:innen) entweder selbst oder dieser erfolgte durch Fotoverlage, die systematisch mit Kunst-, Buch- und Fotohändlern kooperierten. (…) Lithografen produzierten die Untersatzkartons, auf die üblicherweise die Fotografien zur leichteren Handhabung und zu deren Schutz geklebt wurden, und Buchbinder fertigten zur Aufbewahrung und Organisation der Bilder aufwendig gestaltete Sammelalben an.“ (Justnik 2014: 84)
Reisende und Sammler:innen
Auch die Kund:innen der Fotostudios wussten die Vorteile dieser Formate zu schätzen. So konnten Tourist:innen auf Reisen Andenken ganz einfach in die Tasche stecken und mit nach Hause nehmen. Sie fügten sie in ihre Reisetagebücher ein und konnten sich das Anfertigen von eigenen Illustrationen ihrer Eindrücke sparen (pos/67945). Positive im Format der Carte de Visite oder Carte de Cabinet wurde auch gerne von Sammler:innen oder Wissenschafter:innen gekauft und gesammelt. Mitglieder des Vereins für Volkskunde sammelten Fotografien schon seit der Gründung des Vereins 1894. Der erste Direktor des Österreichischen Museum für Volkskunde, Michael Haberlandt (1860–1940), rief 1896 Amateurfotograf:innen dazu auf, für die Sammlung des Museums zu fotografieren bzw. Aufnahmen zu sammeln. (vgl. Album Right from the start – Die ersten 1.000 Positive der Fotosammlung)
Herkunft der Fotografien
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags ist davon auszugehen, dass der Großteil der Cartes de Visite und Cartes de Cabinet durch Wissenschafter:innen sowie Mitglieder des Vereins in die Sammlung des Volkskundemuseum Wien gelangten. Sie verkauften oder schenkten dem Verein Fotografien als Studien- oder Dokumentationsmaterial. Die Herkunft der Nummern pos/63506–63641 ist dokumentiert. Sie wurden zwischen 1996 und 2006 vom ehemaligen Museumsdirektor Franz Grieshofer (1940) für die Sammlung von Amtsrat Otto Lienhart (1911–2006) (pos/63587), gemeinsam mit weiteren Objekten, erworben. Bei Ankäufen oder Schenkungen von Objekten wurden Fotografien häufig ergänzend übergeben und waren nicht der eigentliche Anlass des Erwerbs. Die Personen, die selbst Cartes de Visite oder Cabinet anfertigen ließen und sammelten, stammten überwiegend aus einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht (pos/63656; pos/67687; pos/64569/001). „Der Fotohistoriker (Anm.: Timm Starl) rechnet vor, dass sich, bezogen auf die ganze Monarchie, zwischen 1860 und 1865 bloß fünf Prozent der erwerbstätigen (!) Bevölkerung eine Carte-de-visite-Fotografie (…) leisten konnten. Bis in die 1880er Jahre vergrößerte sich der Abnehmerkreis auf knapp unter zehn Prozent. Für gerade einmal ebenso viele war in den 1910er Jahren der Kauf einer Kamera erschwinglich. Die Fotografie blieb damit im 19. Jahrhundert eine elitäre, eine klassen- (und auch geschlechter-) spezifische Angelegenheit.“ (Ponstingl 2014)
Fotograf:innen
Bei der Betrachtung der Karten und ihrer häufig aufwendig designten Rückseiten, werden die Betrachter:innen darüber ins Staunen geraten, wie viele Fotostudios, Lithografieateliers und Verlage ab den 1860ern existierten. Eine Vielzahl an Menschen verdiente ihr Geld mit der Herstellung, dem Verkauf und der Verbreitung von Fotografien. An dieser Stelle sei auf das Nachschlagewerk von Timm Starl zur Fotografie in Österreich, mit der zugehörigen stets wachsenden Datenbank, verwiesen. Dort finden sich Informationen zu beinahe allen Fotograf:innen, Fotostudios und Lithografieateliers, die im Bestand der Fotosammlung vertreten sind.
Motive und Orte
Die Karten sind in ihrem Format standardisiert, die Motive sind jedoch extrem vielfältig. Es finden sich Berufsporträts aus Wien um 1900, Karikaturen, Bilder einer Fotoexpedition um den Großglockner, Säulen aus Pompeji, Reproduktionen berühmter Gemälde, Hundeporträts, Autografen, problematische Porträts von Menschen mit Behinderung ebenso wie Aufnahmen der Eroberung Roms 1870. Jede einzelne Fotografie dieses Bestands scheint ein neues Forschungsfeld zu öffnen. Allgemein lässt sich sagen, dass mehr als die Hälfte der Fotografien Porträts zeigen und die andere Hälfte Ortsansichten, Sehenswürdigkeiten oder auch Landschaften. Etwa 50 % der gezeigten Orte sind in Europa fotografiert worden. Die andere Hälfte zeigt Orte in Asien oder Afrika. Unter den Motiven, die in Europa aufgenommen wurden, stammen 53 % aus Österreich mit den heutigen Grenzen, die restlichen Prozente teilen sich auf Italien (pos/63458), Deutschland (pos/67776), Schweiz (pos/67843), Slowenien (pos/67659), Frankreich (pos/67589), Rumänien, Ungarn (pos/63906), Tschechien, Griechenland (pos/67977) und Schweden (pos/67711) auf.
Highlights
Die K. k. Ostasienexpedition
75 Stück des Bestandes (pos/63220–63276; pos/63954; pos/63958; pos/67468–67471; pos/67752–67760; pos/67915–67917) entstanden auf einer Reise des österreichischen Fotografen Wilhelm Burger (1844–1920). Zwischen 1868 und 1870 nahm er im Auftrag des k. k. Handelsministeriums an der sogenannten k. k. österreichisch-ungarische Expedition nach Ostasien, oder auch kurz k. k. Ostasienexpedition, teil. Die Expedition führte von Triest über Messina, Algier, Gibraltar, Tanger, Teneriffa, Kapstadt, Jaya, Singapur, Bangkok, Saigon, Hongkong, Peking, Shanghai, Nagasaki bis nach Yokohama (Anm.: ein Teil der Teilnehmer der Expedition gelangte bis nach Südamerika). Diese Reise sollte wirtschaftliche und diplomatische Kontakte fördern sowie Kultur und Gesellschaft fotografisch dokumentieren. Die Forscher und die Fotografen an Bord sollten Wissen und Bilder für die österreichische Öffentlichkeit und Wissenschaft sammeln – stets aus eurozentrischer Perspektive. Burger brachte rund 400 Fotografien von der Reise zurück, von denen viele als bedeutende Zeugnisse der frühen Reisefotografie gelten. „Kritisch betrachtet steht seine Arbeit jedoch auch im Kontext kolonialer Blickregime: die Aufnahmen spiegeln häufig westliche Vorstellungen und Inszenierungen des „Exotischen“ wider. Trotz dieser Problematik haben seine Bilder heute sowohl dokumentarischen als auch diskussionswürdigen kulturhistorischen Wert.“ (Hauer 2025) Die Objekte, die während der Reise geschenkt oder gekauft wurden, finden sich heute in der Sammlung des MAK – Museum für angewandte Kunst. Ein weiterer Teilnehmer der Expedition war der Fotograf Michael Moser (1853–1912) der als Gehilfe von Wilhelm Burger mitreiste. Er war zum Start der Reise 15 Jahre alt. Einige der Fotografien, die auf der Rückseite Wilhelm Burger zugeschrieben werden, wurden von Moser angefertigt. Es ist grundsätzlich schwierig, bei den entstandenen Fotografien eine eindeutige Zuordnung der Fotografen festzulegen (pos/63240). (vgl. Moser 2019)
„Tiroler Trachtenbilder“
Über 150 Fotografien des vorliegenden Bestandes zeigen Porträts von Personen in Trachten, die durch die Inschrift unter den Fotos oder auf den Rückseiten verschiedenen Tiroler Tälern zugeschrieben wurden. Die Porträts wurden in Fotostudios aufgenommen, bezahlte Models oder auch Menschen aus dem Umfeld der Fotograf:innen wurden in verschiedene Trachten gekleidet und neben Requisiten abgelichtet. Das Bürgertum beteiligte sich gerne an sogenannten Trachtenumzügen, wie sich am Beispiel des Kirchtags in Tirol 1894 in Innsbruck zeigt, der während der Tagung der Deutschen und Österreichischen Anthropologischen Gesellschaft als Unterhaltungsprogramm aufgeführt und mit einem Jahrmarkt verbunden wurde. An solchen Anlässen wurde auch fotografiert und Personen in Tracht abgebildet (pos/64134). In der Liste der während der Veranstaltung ausgezeichneten Trachten tauchen bekannte Namen aus dem damaligen Bürgertum und aus der Wissenschaft auf. „Ein Fräulein Czichna, offenbar verwandt mit dem gleichnamigen Kunsthändler und Verleger, trug eine Defregger Tracht. Hildegund Hörmann, Tochter des Direktors der Innsbrucker Universitätsbibliothek Ludwig von Hörmann, (…), Antonia und Marie Kofler aus Innsbruck führten die Regionalkleidung aus Alt-Bruneck sowie die aus Sand in Taufers vor. Die Gattin des Arztes Dr. Kölner kleidete ein Alt-Sterzinger Kostüm und die Frau des Innsbrucker Bürgermeisters Friedrich Caspar Mörz (1840–1903) (pos/259) ein Alt-Innsbrucker mit goldgewirktem Häubchen, welches als einzig in seiner Art geschildert wurde. Eine Leipzigerin wählte eine Tracht aus dem Bregenzerwald. Hier zeigt sich also einmal mehr die für den Historismus so typische Lust des Bürgers, sich zu verkleiden.“ (Selheim 2010)
Lithografiestudio C. A. Czichna
Hervorzuheben sind unter den sogenannten Trachtenbildern die Porträts aus dem Fotostudio C. A. Czichna in Innsbruck, die als Einzelbilder, aber auch innerhalb eines Albums (pos/10268–10328) in der Sammlung zu finden sind. Diese Serie stellt mit dem kleinen und robusten Format sowie mit der Inschrift samt Ort und Wappen ein ideales Sammlerstück dar. Es ist unklar, ob Carl Alexander Czichna (1811–1867) oder sein Bruder und Mitbegründer der lithografischen Anstalt, Carl August Czichna (1807–1867), der Fotograf der Porträts war. Es könnte auch der Sohn von Carl Alexander, Carl Alfred Czichna (1842–1899), der nach dem Tod des Vaters das Geschäft übernahm, diese Aufnahmen gemacht haben. Interessant ist, dass Carl Alexander Mitglied im Comité zur Erhaltung der Volkstrachten in Tirol war, welches zum Landesverband für Fremdenverkehr in Tirol gehörte. (vgl. Selheim 2010) Die Kolorierung der Porträts ist vermutlich im Hause C. A. Czichna entstanden. Einen Hinweis darauf gibt die Mitgliedschaft des Sohnes Carl Alfred im Aquarellisten-Club in Innsbruck. Er selbst fotografierte etwa bis 1884 und erweiterte das Geschäft um eine Kunsthandlung. In der Grafiksammlung des Volkskundemuseum Wien befinden sich weitere Objekte der Lithografieanstalt Czichna (z. B. Andachtsbilder und Gebetszettel (AÖMV/8975)).
Allesamt bedienen die Porträts von Menschen in Tracht bis heute wirkende Stereotype. „Hier zu sehen sind Fotomodelle in den unterschiedlichen Varianten, wie sie der Fotograf während einer Sitzung in seinem Atelier von herkömmlichen, käuflich erwerbbaren Leinwandhintergründen inszenierte. Die ganze Szenerie, also der Einsatz von Requisiten und Hintergründen, macht deutlich, welch spezieller Begriff vom Dokumentarischen sich in der „Volkstypen“-Fotografie artikuliert, der sich weit jenseits heute gängiger Verwendungsweisen bewegt. Das Interesse der Volkskunde war, die im Verschwinden begriffenen Kulturen zu bewahren und sie zugleich über das Aufspüren neu zu erfinden. So wie jedes kulturelle Phänomen handelt es sich hier um eine gemachte, eine konstruierte Angelegenheit – die „Volkstypen“-Fotografien sind GESTELLT. Und dieses Gestellt-Sein ist niemals neutral, sondern gehorcht einschlägigen Interessen. (Justnik 2014: 100)
Ihre Expertise
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Katharina Zwerger-Peleska
Mitarbeiterin der Fotosammlung
13. Juni 2026
Literatur:
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