At last
Rudolf Trebitschs zahlreiche Publikationen und Phonogrammaufnahmen zu seinen Forschungsreisen sind seit Langem zugänglich. Nun wird erstmals sein vollständiger fotografischer Nachlass der Öffentlichkeit präsentiert. Der Mediziner, Ethnologe und Pionier der Phonographie, der ab 1907 das Volkskundemuseum in Wien unterstützte, hinterließ eine beeindruckende Sammlung. Darunter finden sich auch Fotografien, die erst 2024 entdeckt und erschlossen wurden. Seine Aufnahmen geben insbesondere Einblick in seine zahlreichen Forschungsreisen, die ihn zwischen 1904 und 1913 vor allem in den äußersten Westen und Norden Europas führten. Diese Reisen organisierte und finanzierte Rudolf Trebitsch weitgehend selbst. Somit lassen sich auch seine Forschungs- und geografischen Schwerpunkte erklären, die außerhalb des offiziellen Zuständigkeitsbereiches des damaligen Museums lagen. So bereiste er unter anderem Island (1904), Westgrönland (1906), Irland und England (1907), den Mittelmeerraum (1907, 1909 und 1911), die Bretagne (1908), Wales, die Isle of Man und Schottland (1909) sowie das Baskenland (1913). Ergänzend dazu unternahm er private Reisen, etwa nach Sylt (vermutlich 1910) und Ostende (1914). Diese erstmals vollständig zugängliche Sammlung eröffnet neue Perspektiven auf seine Reisen und Forschungen.
Zahlen und Sammlungsgeschichte
Der fotografische Bestand von Rudolf Trebitsch gelangte zwischen 1907 und 1918 ins Volkskundemuseum und umfasst 1.396 Objekte. Nur 7 % des Bestands (91 Bilder) wurden nachweislich von ihm selbst zwischen 1910 und 1917 übergeben. Der Großteil stammt aus seinem Nachlass, den sein Bruder Oskar 1918 – gemäß Rudolfs Wunsch – dem Museum übergab. Die offizielle Übernahmebestätigung vom 5. Dezember 1918 belegt die Übergabe von wissenschaftlichen Schriften, Fotografien, Dias und ethnografischem Material (Archiv, Trebitsch Rudolf). Der Nachlass wurde in mehreren Etappen inventarisiert: 1919 bis 1920 sowie als auffallender Rückstand erst 1976, 2008 und 2024. Die langen Abstände erklären sich vermutlich durch die Gegebenheiten in der Fotosammlung: einerseits deren intensive Nutzung, andererseits begrenzte Ressourcen für ihre Aufarbeitung (Hammer 2020). Die Inventarbucheinträge deuten darauf hin, dass der Nachlass keine Vorsortierung (z. B. nach Chronologie oder Reiseziel) erfuhr und vermutlich jeweils nach Auffinden von Bestandsteilen bzw. im Rahmen musealer Nutzungen inventarisiert wurde.
Fototechnik und Reproduktion
84 % des Bestands wurden von Rudolf Trebitsch selbst fotografiert, wie aus den Beständen und Publikationen zu entnehmen ist. Während er bei den von ihm eingebrachten Fotografien vor allem als Sammler auftritt, offenbart sein Nachlass ihn als aktiven Fotografen. Die von ihm verwendete Kamera war – zumindest während seiner Grönlandreise – eine „Klapp-Taschen-Kodak“ (Bildgröße 8:14) mit Görz-Doppel-Anastigmat-Linsen „Dagor“ (Trebitsch Berlin 1910, S. V).
Die Sammlung setzt sich aus 60 % Positiven (829 Bilder), 28 % Negativen (383) und 12 % Diapositiven (172) zusammen. Die Positivabzüge (Silbergelatine, meist 9 × 12 cm) befinden sich größtenteils in drei schweren Alben mit insgesamt 507 Bildern (Grönland 1906). Die Negative (9 × 12 cm) bestehen fast ausschließlich aus Nitrozellulose. Die Diapositive (8 × 8 cm) wurden für Trebitschs Vorträge mit einem Skioptikon (auch Laterna Magica oder Diaskop) angefertigt. Wer die Diaproduktion übernahm, ist unklar – möglicherweise war die Wiener Urania beteiligt (vgl. Album „Licht aus, Spot an: 1.000 Glasdias und die ersten Lichtbildvorträge des Volkskundemuseum Wien“). Viele Dias sind Reproduktionen von Ansichtskarten.
Zahlreiche Motive finden sich in verschiedenen fotografischen Medien wieder – etwa die Grönlandreise 1906 (Trebitsch Berlin 1910) in Positivabzügen, Negativen als auch in Diapositiven. Die neu erstellten Verknüpfungen zwischen diesen Medien bieten neue Einblicke mindestens in die Entstehung und Nutzung der Fotografien, hier den Positiven in Alben zur Dokumentation, den Negativen als Arbeitsgrundlage für Veröffentlichungen und Diapositiven für Vorträge (siehe Online Sammlung Plus Suche „Rudolf Trebitsch“).
Motive und Reiseziele – Ein Überblick
Die von Rudolf Trebitsch im Zeitraum 1910 bis 1917 selbst übergebenen Fotografien und sein Nachlass (ab 1918) unterscheiden sich deutlich in ihren Motiven. Während die Schenkung vor allem Ausstellungs- und volkskundliche Objektaufnahmen aus Norddeutschland, der Bretagne, dem Baskenland, Budapest, Graz und Prag umfasst, dokumentiert sein Nachlass überwiegend architektonische (Burgen, Ruinen) und geologische Motive (Felsformationen, Dolmen). Besonders auffällig ist hier der wiederkehrende Wasserbezug: das Meer, Küsten und Inseln spielen in seinen Bildern eine zentrale Rolle. Zudem gibt es zahlreiche Aufnahmen von Personen (39 % der Sammlung), häufig im Zusammenhang mit Musikinstrumenten, Tänzen oder Bräuchen wie der Eisteddfod-Zeremonie in Wales. Szenen am oder auf dem Wasser in Booten spiegeln sein Dissertationsthema wider: „Fellboote und Felle als Schiffsfahrzeuge und ihre Verbreitung in der Vergangenheit und Gegenwart“ (Trebitsch 1911).
Fotografisch dokumentiert sind vor allem Trebitschs Reisen nach Westgrönland (1906), auf die Britischen Inseln (England, Wales, Isle of Man, Irland – 1907 und 1909), in den Mittelmeerraum (Riviera 1907, Korsika, Sardinien, Süditalien 1909) und in die Bretagne (1908). Hinzu kommen private Aufnahmen von Sylt (vermutlich 1910) und Ostende (1914). Kaum oder gar nicht spiegeln sich Trebitschs Reisen nach Island (1904), Schottland (1909) und das Baskenland (1913) wider; letztere nur indirekt über seine in Dias abgebildete baskische Objektsammlung (dia/549–569).
Interessant ist, dass die von Trebitsch selbst eingebrachten Fotografien (ab 1910) später aufgenommen wurden als die meisten Reisebilder. Dies könnte bedeuten, dass er ursprünglich nicht plante, seine Reisefotografien der Fotosammlung des Volkskundemuseum zu übergeben.
Reiseziele – Im Detail
Westgrönland 1906
Im Jahr 1906 hielt Rudolf Trebitsch das Leben und die Landschaft Westgrönlands in seinen Fotografien fest, das 1906 unter strenger Verwaltung Dänemarks stand und für private und touristische Reisen eigentlich gesperrt war. Von dieser Reise, die er gemeinsam mit dem Zoologen Gustav Stiasny (1877–1946) unternahm, fanden nicht nur zahlreiche Objekte ihren Weg nach Wien (ins damalige k. k. naturhistorische Hofmuseum, wo der spätere erste Direktor des Volkskundemuseums Michael Haberlandt Kustos war), sondern neben den ältesten erhalten gebliebenen Phonogrammaufnahmen der grönländischen Bevölkerung und Publikationen auch über 800 fotografische Objekte – mehr als die Hälfte seines gesamten fotografischen Nachlasses. Die Sammlung umfasst drei große Alben mit 504 Positiven (pos/62418–62921) sowie 245 Negative, meist Motive der Albumaufnahmen. Zudem ließ Trebitsch 76 Diapositive anfertigen, die er 1908 auf dem 16. Internationalen Amerikanisten-Kongress präsentierte (Trebitsch Wien, Leipzig 1910). Die Bilder zeigen topografische und geologische Motive sowie Einheimische bei verschiedenen Tätigkeiten, darunter Bootsfahrten, Zerlegen einer Robbe, die Bearbeitung von Fellen und Tänze, ergänzt durch Porträtaufnahmen vor Wohnhäusern. Trebitsch selbst vermerkte nur vereinzelt die Namen der abgebildeten Personen auf den Fotografien. In Kooperation mit internationalen Institutionen konnten eine Reihe der Personen und Kontexte identifiziert werden (siehe auch den Hinweis zum Umgang mit den fotografischen Objekten im Disclaimerfeld der Datensätze).
Britische Inseln 1907 und 1909
Von diesen Reisen brachte Trebitsch vor allem Aufnahmen von Gebäuden, geologischen Strukturen und Porträts von Musiker:innen mit.
In England fotografierte er historische Gebäude, Ruinen und markante Steinformationen in Süd- und Westengland, darunter aus Salisbury (Stonehenge), Kew Gardens, Stratford-upon-Avon, Warwick, Kenilworth, Chester, Liverpool und dem Lake District. In Wales nahm er Tintern Abbey, Logan Rock und Conway auf, auf der Isle of Man vor allem Douglas.
Irland und Schottland sind hauptsächlich in Diapositiven abgebildet, die Trebitsch überwiegend als Reproduktionen von Ansichtskarten und Cartes de Cabinet anfertigen ließ. Hervorzuheben sind Küstenaufnahmen, Felsformationen wie der Giant’s Causeway sowie Fotografien des irischen Naturkundlers und Fotografen Robert John Welch (1859–1936). Trebitsch brachte diese Bilder vermutlich im Sommer 1907 mit, als er in County Cork und Kerry die irische Sprache und diverse Musikinstrumente mittels Phonographen aufzeichnete (Schüller 2004). Um die Dokumentation zu vervollständigen, ließ er zudem Studioporträts von den Musiker:innen anfertigen, deren Instrumentalspiel er auch als Phonogrammaufnahmen festhielt, u. a. von Thomas Mac Donnell mit einer Irish War Pipe aus Tourmakeady, Irland (pos/4719/001), von Florrie O'Connor, der Harfenistin aus Dublin (pos/49960) und von Susanna Berrington Gruffydd Richards, Harfenistin des Prince of Wales (pos/49959). Diese Bilder existieren auch als Negative und Diapositive, die Trebitsch für seine Publikationen wie den Beitrag „Ein Ausflug nach Irland“ (Trebitsch 1908) oder für Diavorträge in der Urania Wien nutzte, beispielsweise dia/476–548 für den Vortrag "Unter aussterbenden Völkern [...]" (siehe http://archiv.vhs.at).
Mittelmeerraum (mit Riviera, Korsika, Sardinien und Süditalien) 1907 und 1909
Im Frühjahr 1907 reiste Trebitsch entlang der französischen und italienischen Riviera und hielt dabei Cannes, Nizza, Menton, Ospedaletti, San Remo und Monte Carlo in topografischen Aufnahmen fest, viele davon vom Wasser aus. Zwei Jahre später, im Frühjahr 1909, besuchte er auch Süditalien, wo er Ruinen auf Sizilien fotografierte, sowie Korsika und Sardinien in Landschaftsaufnahmen festhielt (Trebitsch 1909). Die einzigen Bilder dieser Reise, auf denen Personen abgebildet sind, stammen aus Capri und zeigen namentlich genannte Tarantella-Tänzerinnen und eine Dorfgemeinschaft. Viele dieser Fotografien wurden – gemeinsam mit privaten Aufnahmen – erst 2024 in der Fotosammlung entdeckt (pos/68469/001–072). Die meistenteils unbeschrifteten Aufnahmen wurden mithilfe von Google Images, Lens und Street View identifiziert.
Bretagne 1908
Trebitsch dokumentierte in der Bretagne (neg/13598–13646) vor allem geologische Formationen wie die Dolmen von Carnac, die Felsenskulpturen von Rothéneuf und die Felsen von Saint-Guénolé. Zudem hielt er Ortsansichten aus Finistère und Ploubezre sowie Schlösser wie das Château de Kergrist (neg/13629) fest.
Privataufnahmen in Westerland auf Sylt 1910 und Ostende, Belgien 1914
Die 19 Fotografien aus Sylt und Ostende sind im Vergleich zu Trebitschs anderen Aufnahmen von eher persönlichem, privatem Charakter. Da sie fast ausschließlich als Negative erhalten sind, kommen Zweifel auf, ob er sie überhaupt für eine Museumssammlung vorgesehen hatte. Die Bilder aus Westerland auf Sylt zeigen ihn mit Freund:innen am Strand sowie Flanier-Szenen. In Ostende entstanden Gruppenporträts mit einem befreundeten Paar – möglicherweise anlässlich einer Verlobung oder Hochzeit. Aus einer dieser Aufnahmen wurde 1955 eine Ausschnittvergrößerung erstellt, die als Porträt von Rudolf Trebitsch in der Ausstellung „Volkskundliches aus Großbritannien und Irland“ 1956 verwendet wurde (pos/22574 und neg/14728). Bis 2023 war dies das einzige bekannte Bild von ihm in den Sammlungen. Erst durch den Fund im Jahr 2024 kamen vier weitere Aufnahmen hinzu: drei aus Ostende und eine von Sylt (neg/15175/029).
Produktives Leben und tragischer Ausgang
Schon die Fülle an Fotografien spiegelt Trebitschs außergewöhnliche Neugier, seinen Forscherdrang und sein Bedürfnis, Wissen zu sammeln, weiterzugeben und zu bewahren, wider. Er schien stets Möglichkeiten einer breitenwirksamen Wissensvermittlung mitzudenken. Er lieferte zeitgenössische „Gesamtpakete“: sammelte, fotografierte, machte Tonaufnahmen – als Pionier auf diesem Gebiet, publizierte, hielt Vorträge und untermalte diese mit Tonaufnahmen oder musikalischen Darbietungen. Dieses „showcasing“ machte die Verbreitung der Forschung auch für die Printmedien attraktiv.
Die Zahlen sprechen für sich (hauptsächlich 1906 bis 1913): 1.400 Fotografien, 1.300 gesammelte Ansichtskarten (oft Grundlage für Diaproduktionen), mindestens 35 wissenschaftliche Veröffentlichungen, unveröffentlichte Manuskripte im Archiv des Volkskundemuseum Wien, über 260 Phonogramme im Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, zahlreiche Vorträge in Fachkreisen und Institutionen wie der Wiener Urania (siehe Album „Licht aus, Spot an: 1.000 Glasdias und die ersten Lichtbildvorträge des Volkskundemuseum Wien“), gesammelte Objekte seiner Reisen (Grönlandsammlung im k. k. naturhistorischen Hofmuseum bzw. heute im Weltmuseum Wien, baskische Sammlung im Volkskundemuseum Wien) und die „Sonderausstellung der großen ethnographischen Sammlung aus dem Baskenlande“ 1913 (o.A. 1913). Er schrieb unter dem Pseudonym Hans Dietrolf literarische Texte und ein Drehbuch. Als Militärarzt war er ab 1914 mit allen Schrecken des Krieges konfrontiert. 1918 nahm sich Trebitsch das Leben. Sein Bruder Siegfried schrieb später: „Angesichts der drohenden Rückkehr in den [Militär]dienst stürzte er sich aus dem Fenster der Heilstätte in den Tod.“ (Trebitsch 1951) Das Volkskundemuseum hatte zu Beginn der 1920er Jahre an der gartenseitigen Fassade des Gebäudes eine Erinnerungstafel an Rudolf Trebitsch und seine Verdienste („Trebitsch-Gedenktafel“) anbringen lassen. Als Trebitsch das Volkskundemuseum noch zu Lebzeiten und später durch sein Erbe mit großzügigen Spenden (in heutiger Kaufkraft mindestens 500.000 Euro) unterstützte und es damit finanziell am Leben hielt, konnte er nicht ahnen, dass es unter Direktor Arthur Haberlandt den Nationalsozialismus offensiv willkommen heißen würde. In diesem Zuge entfernte das Museum auch die Gedenktafel an Trebitsch, der nach den rassistischen Nürnberger Gesetzen als jüdisch gegolten hätte, und übergab diese im Rahmen der „Metallspende des deutschen Volkes zum Geburtstag des Führers im Kriegsjahr 1940“ an das nationalsozialistische Kriegs- und Gewaltsystem.
Astrid Hammer
Leitung Fotosammlung
4. April 2025
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