Heft 
H. 5+6
Seite
71
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LIEBLINGSOBJEKT

VON CLAUDIA PESCHEL- WACHA

49. JG./2014- 71

,, Annamirl"

ein Figurenofenaus demRokoko

Ein Highlight der ständigen Ausstellung im Volkskunde-museum ist ein einzigartiger Kachelofen in Gestalt einerFrauenfigur, der Ofenbaurin" oder Annamirl" genanntwird. Der Typus Hinterladerofen" weist auf die ursprüng-liche Befeuerung über ein Schürloch im Nebenzimmer.Besonders ist, dass Unterbau und Ofenaufsatz einendurchgehenden Feuerraum bilden. Der Ofen besteht ausunterschiedlich geformten Kacheln und wurde in der sogenannten Umschlag- oder Überschlagtechnik herge-stellt( eine Tonschicht wird über ein Holzgerüst gelegt undentsprechend modelliert). Überschlagöfen sind Einzelanfer-tigungen- das Fehlen eines gleichartigen Objekts lässt aufein Meisterstück schließen.

Die Überschlagtechnik kam um die Mitte des 18. Jahrhundertsauf und bot die Möglichkeit des asymmetrischen Ofenbausin verspielter Rokokomanier. Es gibt nur wenige vergleich-bare Figurenöfen, einer davon ist der Baumstammofen ineinem Bergl- Zimmer im Schloss Schönbrunn.

Im oberösterreichischen Landesmuseum, im Linzer Schloss,steht eine feine Dame im Jagdkostüm als Ofenaufsatz.

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Mehr Vergleichsobjekte gibt es vor allem in süddeutschenMuseen. Schäferin, Bäuerin und Wäscherin waren beliebteGenremotive des 18. und 19. Jahrhunderts.Unser Figurenofen in der Tracht einer Mühlviertler Bäuerinstammt aus der Ortschaft Münzbach im Bezirk Perg inOberösterreich. Annamirl stand in einem Tanzsaal im erstenStock eines Gasthauses und soll bereits damals eine Attrakti-on gewesen sein! Bei der Datierung hilft ein einschneiden-des Ereignis: Nach einem Brand im Jahre 1766 wurdengroße Teile der Ortschaft wieder aufgebaut und vermutlichauch die Gastwirtschaft neu eingerichtet. Annamirls Herstel-ler ist bis heute unbekannt. Höchstwahrscheinlich wurde sievon einem oberösterreichischen Hafner geschaffen- der Ty-pus der derben rundlichen Frauenfigur in bäuerlicher Trachtmit dem erhobenen Arm und der Kopflast war zeitgleich alsKrippenfigur vor allem im Salzkammergut verbreitet.

Im Jahre 1904 hatte der Kunsthistoriker und Keramikfach-mann Alfred Walcher von Molthein bereits Nachricht vomabgetragenen Figurenofen einer drallen Frauensperson"im Adamhause zu Münzbach bekommen. Laut Eintragungim Hauptinventar verdankt das Volkskundemuseum diesenFigurenofen einer Widmung von Ernst Polack, kaiserlicherRat in Wien. Annamirl wurde im Jahre 1917 in den Museum-sbestand aufgenommen und erhielt die InventarnummerÖMV/ 35.876.

Lit: Claudia Peschel- Wacha: ,, Annamirl"- ein Figurenofen aus dem Rokoko. In: Keramik imSpannungsfeld zwischen Handwerk und Kunst. Beiträge des 44. Internationalen SymposiumsKeramikforschung 2011 im Germanischen Nationalmuseum( Wissenschaftliche Beibändezum Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, 37). Hrsg. von Silvia Glaser, Nürnberg 2014.[ in Vorbereitung]

Foto: C. Knott,© ÖMV

Die Autorin ist stellvertretende Direktorin des Volkskundemu-seums und Kuratorin für Keramik, Glas und Stein.