LIEBLINGSOBJEKT
RENATE EBERHARDT
Im Königszug der barocken Jaufenthaler Krippe fällt ein hunde-artiges Fabeltier auf. Das exotische Tier mit Löwenpranken wirdvon zwei Afrikanern an einer Kette zur Geburtsgrotte der HeiligenFamilie geführt. Der Volkskundler Michael Haberlandt, Gründerdes Volkskundemuseums( ÖMV), bezeichnet das hundeähnlicheFabelwesen als ,, wildes Tier" und beschreibt die Szene aus demZug der Weisen aus dem Morgenland Glossar ::: zum Glossareintrag Morgenland so:„ Den Zug eröffnet einAnführer, dem Bediente( Edelleute mit Gaben) folgen. Hinterdiesen folgen zwei, Wilde', welche ein, wildes' Thier an der Ketteführen. Ihnen schließen sich die berittenen Rothröcke an..." 1)Das ,, wilde Tier" ist aus Holz geschnitzt, dunkelbraun gefasst und
stammt vermutlich aus der Mitte des 18. Jahrhunderts ebensowie die beiden sehr bewegt gestalteten Männer. Der Kopf desTieres trägt sowohl die Züge eines Hundes als auch die einerLöwin, Schweif und Pranken erinnern an einen Löwen. Insgesamtwirkt das Tier jedoch am ehesten wie ein kräftig gebauter wilderHund. Mit einer Größe von 18 cm ist er im Vergleich zu denfolgenden Krippenpferden ein sehr mächtiges Tier. Der Hundkommt in der Krippentradition nicht nur als Hirtenhund, derdie Schafe zusammenhält, vor. Die barocken Krippenkönige füh-ren ,, glatte, helle, hochgezüchtete Hunde mit sich...". Dagegengilt der dunkelfarbige struppige, häßliche Köter( Hadeshund) alsSinnbild des Heidentums Glossar ::: zum Glossareintrag Heidentums und der unerlösten Welt." 2). Die beidenspärlich bekleideten schwarzen Afrikaner, von Haberlandt als,, Wilde" bezeichnet, vervollständigen dieses Bild. Der Legende nachwird die heilige Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten voneinem Hund begleitet. Dabei durchqueren sie den„ Wilden Wald"und begegnen wilder grotesker Tierfiguren, die auf die Erlösungwarten. Eine ähnliche Interpretation lässt die Szene um das ,, wildeTier" in der Jaufenthaler Krippe zu: Im Königszug tritt die uner-löste heidnische Glossar ::: zum Glossareintrag heidnische Welt in Gestalt der beiden ,, Mohren Glossar ::: zum Glossareintrag Mohren", die ein ,, wildesTier" an der Kette führen, dem Kind in der Krippe als kommen-der Erlöser gegenüber. Aber noch andere Legenden ranken sichum das Jesuskind, das nur durch seine Anwesenheit wilde Tierezähmen kann, so wie das Fabelwesen in der Jaufenthaler Krippe,das zwar wild ausschaut aber sehr friedlich zwischen den beidenMänner zur Geburtsgrotte schreitet. Öffentlich zu sehen sein
Das ,, Wilde Tier"in derJaufenthaler Krippe
wird das ,, wilde Tier" voraussichtlich zu Weihnachten 2015 wenndie Jaufenthaler Krippe im Volkskundemuseum( ÖMV) wiederaufgestellt wird. Das ÖMV hat die Krippe 1896 vom Tiroler BauernSimon Jaufenthaler aus Vill bei Innsbruck gekauft.
Die Krippe ist im 18. und 19. Jahrhundert entstanden und war ver-mutlich eine barocke Kirchenkrippe, die wegen der Verbote vonJoseph II. aus der Kirche von Vill entfernt werden musste undso in den Besitz der Bauernfamilie Jaufenthaler kam. In Vill wurdesie zuletzt zu Weihnachten 1895/96 aufgestellt. Im September1896 wurde die Krippe um 450 Gulden vom ÖMV gekauft.Die Krippe besteht aus rund 900 Einzelteilen die unter der Num-mer ÖMV/ 9.121 bis ÖMV/ 10.018 inventarisiert sind. Derzeitwerden die Einzelteile elektronisch inventarisiert und nach demoriginalen Stellplan geordnet.
Renate Eberhardt
Ehrenamtliche Mitarbeiterin am Projekt ,, Jaufenthaler Krippe"
Foto: C. Knott, ÖMV
it.:
1) Haberlandt, Michael, Katalog der Sammlungen des Museums für österreichischeVolkskunde in Wien, Wien 1897 S165
2) Bogner, Gerhard, Das neue Krippenlexikon Lindenberg 2003 S 103f weiters: Gockerell, Nina,Haberland, Walter, Krippen im Bayerischen Nationalmuseum München o.J. S 221 ff
49. JG./2014- 138