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RUBRIK

Zur

Cleverness

clever

4009

GeschälteTomaten

49. JG./2014- 143

49. JG./2014-144

Zugegeben: Die Zungen derStudierenden, der Arbeitslosen,der Flüchtlinge, der Alleinerzie-henden und der Alleinerzogenenkönnen sich mit wenig Geld nurwenig Feinschmeckerei erlauben.Eine Dose geschälter Tomaten istdaher willkommen als Basis für einesjener Gerichte, die nahrhaft sindund sich ohne größeres Könnenin der Küche zubereiten lassen.Ob dann das Etikett der Dose ingrün und weiß und rot ein vonder süditalienischen Sonne gereiftesAroma anpreist oder nur nüchterndrauf steht was drin ist, kann relativgleichgültig sein, wenn es dochdarum geht, billig, schnell und gutsatt zu werden. Nicht ganz gleich-gültig ist es hingegen, wenn diebilligsten geschälten Tomatenclever heißen.

Es ist ein zweifelhaftes Komplimentfür die, die clever kaufen, weil es sievergessen macht, dass sie cleverkaufen müssen. Clever sein heißt:

Sich nicht kirre machen zu lassenvon dem Gefasel über Qualitätund Achten Sie auf die Marke!"Es heißt: Kein Geld auszugebenfür Dinge, die es auch für wenigergibt. Heißt: Die Selbstbeschränkunggewitzt zur Tugend zu erheben.Clever sein heißt: Cleverer zu seinals jene, die ihr Geld sinnlos fürDosen mit schöneren Etiketten undgleichem Inhalt rauswerfen.

Es heißt: Zu wissen, dass Geld alleinnicht satt und nicht glücklich macht.Heißt: Sich zu bescheiden.

Diese Cleverness nutzt nicht jenen,die clever kaufen, im Gegenteil:Sie fordert auf zur Dankbarkeit gegen-über einer Ökonomie, die noch inder schmalsten Brieftasche ihrenGewinn sucht und findet.

Sie verklärt den Spatz in der Handzu einem sättigenden Bissen undbehauptet aus eigener Erfahrungzu wissen, dass die Tauben aufdem Dach auch nicht besserschmecken. Sie verkündet, dass

die Ungleichheiten in der Vertei-lung des gesellschaftlichenReichtums ohnehin nur ein Etiket-tenschwindel sind, um den mansich nicht zu bekümmern braucht,wenn er doch gütig ein kleinesÜberleben gewährt.

Nichts spricht dagegen, sich mitclever Geschälten Tomaten leckereSpaghetti Bolognese zuzubereiten.Und ebenso wenig spricht etwas da-gegen, sich gelegentlich Gedankendarüber zu machen, wem dafür nochdie Haut abgezogen wird.

Friedrich Tietjen

Fotohistoriker und KulturwissenschaftlerGastprofessor am Wiener Institut fürKunstgeschichte

Foto: Barbara Lipp, OÖMV