38L IE B L IN G S O B JE K TEin Jäckchen mit GeschichteSeit November 2024 bereichert ein kom-plett mit der Hand genähtes und besticktesNachtjäckchen das Vermittlungsarchiv desVolkskundemuseum Wien mit der Num-mer VO 546. Im Laufe der etwa 25jährigenkontinuierlichen Vermittlungsarbeit wurdensehr viele Objekte für Kulturvermittlungs-programme, Veranstaltungen, Workshopsetc. gesammelt. Es handelt sich um Leih-gaben, Ankäufe oder Schenkungen. Dieangekauften oder geschenkten Objektewerden seit dem Jahr 2020 in das obengenannte Archiv aufgenommen. Das bedeu-tet, dass sie nach Themen sortiert und in eindigitales Verzeichnis samt Fotos und allenverfügbaren Infos eingetragen werden. DasVermittlungsarchiv umfasst mittlerweile über500 Objekte, darunter verschiedene Texti-lien, von der Unterwäsche über die bestickteHaube bis hin zum Nachtjäckchen. Es wurdevon Rosa Haase(1898 als Rosa Gerstbauergeboren) in den Jahren 1911/1912 aus feinemLeinen hergestellt und von deren Tochterdem Museum angeboten.Im Falle, dass interessierte Spender:innendem Volkskundemuseum Objekte offerieren,die aus verschiedenen Gründen nicht in dieMuseumssammlung aufgenommen werdenkönnen, sich jedoch für didaktische Zweckeeignen, werden sie an die Vermittlungsab-teilung weitergeleitet. Hier benötigen wirschließlich immer wieder Objekte, die manganz aus der Nähe betrachten oder auchangreifen darf. Aktuell betreiben wir dieSchiene„Das Museum kommt zu euch“ undbringen Vermittlungsobjekte in Kindergärten,Schulen, Firmen oder Partnerinstitutionen,die für die gebuchten Vermittlungspro-gramme ausgewählt wurden. Ganz beson-ders interessieren uns die Geschichtenhinter den Objekten. Beim Nachtjäckchenhandelt es sich um ein Werkstück aus demHandarbeitsunterricht in der Bürgerschuleim 20. Wiener Gemeindebezirk. Die Schü-lerinnen bekamen dort den Auftrag, einJäckchen zu nähen, das bequem über dersonstigen Nachtwäsche im Bett getragenwerden konnte. Rosa Haase war damals umdie 13 Jahre alt, als sie es herstellte und tat-sächlich selbst benützte. Ihre Tochter, Inge-borg Nathschläger erzählte, dass es späterim Schrank am Kleiderhaken hängend auf-bewahrt, aber nicht mehr verwendet wurde.Ihre Mutter habe sie aber stets auf die Quali-tät hingewiesen und behauptete, dass heutevieles nicht mehr so mit der Hand genähtwerden würde wie damals, etwa die Einfas-sungen bei den Ärmelnähten innen oder dieFassung um die Knopflöcher. Später – alsgelernte Kunststickerin – bestickte RosaHaase die Ballkleider von adeligen Damen mitsolchen und ähnlichen Blumenmustern wiesie auf dem Nachtjäckchen zu sehen sind.Bei jeder Übersiedlung wurde dieses Klei-dungsstück stets mitgenommen, zunächstvon der Herstellerin selbst und dann vonihrer Tochter nach dem Tod der Mutter. Nunist das Nachtjäckchen, das von außerordent-lich viel Geduld, Ausdauer und Konzentrationzeugt, ins Volkskundemuseum übersiedelt,und wir planen es, behutsam bei Vermitt-lungsprogrammen einzusetzen, um auf dieHandwerkskunst von vor über 100 Jahrenhinzuweisen.Salira Bösch, Dagmar Czak,Katrin Prankl, Katharina Richter-KovarikKulturvermittlungsteamDas Jäckchen mit Geschichte. Foto: Johanna Amlinger