38L I E B L I N G S O B J E K TAmor lässt grüßenAls dem Volkskundemuseum Wien vorkurzem ein kleines rosa Heftchen mit demTitel„Neueste Briefmarken-Sprache zumGebrauche für Liebende“ als Schenkungangeboten wurde, da kamen bei mir als derzuständigen Kuratorin Kindheitserinnerungenauf. Damals ging es weniger um Liebe als umFreundschaft und Geheimnisse mit der bes-ten Freundin. Anleitung gab es keine, aberdie Möglichkeit geheime Botschaften mittelsBriefmarken auszutauschen, beflügelte dieFantasie.Und nun liegt eine Anleitung zur Geheim-sprache mit Briefmarken vor mir: höchsteZeit dieses Thema näher zu betrachten.Es geht um die Praxis, eine oder mehrereBriefmarken in einer Art Code so zu platzie-ren, dass die Botschaft dahinter nur vonder eingeweihten Person verstanden wird.Ähnlich der Blumen- oder Fächersprachekonnte man so beispielsweise Liebesgrüßeaustauschen oder Treffpunkte in unauffälli-ger Weise vereinbaren.1879 wurde in Zeitungen verkündet, dass„die nüchternen Amerikaner“ statt der inVergessenheit geratenen Blumensprachenun eine Briefmarkensprache erfundenhätten. Bald fand diese geheime Art derVerständigung allgemeine Verbreitung undum die Jahrhundertwende ihren Höhepunkt.Allerdings wurden die dazugehörigenCodierungs- und Bestimmungsbüchleinzu Beginn des 20. Jahrhunderts in Massenangeboten. Daher scheint auch im vorliegen-den Heftchen der Hinweis auf, sich beiVerdacht, dass die geheime Abmachungnicht sicher sei, einer eigenen, untereinan-der abgesprochenen Variante zu bedienen.1910 wurde dann in Zeitungen von„Dummheiten“ wie der Briefmarkenspracheabgeraten, da dadurch das Abstempeln derMarken erschwert werde. Im selben Jahrwurde eine Karte sogar konfisziert, da dieVerwendung von Briefmarken mit demBildnis des Kaisers im Zusammenhang mitgeheimen Liebesmitteilungen den Tatbe-stand der Majestätsbeleidigung erfüllenwürde. Dennoch war sie wohl eine Möglich-keit bei mangelnder Privatsphäre und in allerKürze geheime Botschaften zu übermitteln,die keiner Worte bedurften.Ein weiteres Phänomen zum ThemaBriefmarkensprache waren Ansichtskarten,die als Bildseite unterschiedlich positionierteMarken zeigten und die Beschreibung derverschlüsselten Botschaften gleich mitliefer-ten. Meist arrangiert rund um ein Liebes-paar. Solche Karten waren als Alternativefür diejenigen gedacht, die nicht zur orts-be-zogenen Ansichtskarte greifen wollten.Urlaubsgrüße sicherten den Postkartenver-lagen weiterhin ihre Absatzmöglichkeiten,nachdem durch die Erfindung des Telefonsder Versand von Post- oder Korrespondenz-karten abgenommen hatte. Die Kuriositätder Briefmarkensprache scheint dabei einbeliebtes Sujet gewesen zu sein.Beim Versuch, zum Valentinstag geheimeLiebesbotschaften per Briefmarke auszu-tauschen, bleibt zu hoffen, dass der automa-tisierte Postversand Amor nicht im Wegesteht, und das Gegenüber die Nachrichtauch richtig deutet – damit in der Eile schrägaufgeklebte Briefmarken nicht zu unliebsa-men Missverständnissen führen.Nora Witzmann,Kuratorin Bild-Druck-PapierNeueste Briefmarken-Sprache, Zum Gebrauche fürLiebende. Papier, geklammert, 38 Seiten, 1. Drittel 20. Jh.,ÖMV/90429