Heft 
61 (2026) 2
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26L I E B L I N G S O B J E K TEin Jahreszeitenkastenaus OberösterreichAlle paar Monate stehe ich so wie meineKolleg:innen vor der Aufgabe ein Lieblings-objekt aus den Sammlungen des Volkskunde-museum Wien zu wählen und hier darüberzu berichten. Vor einiger Zeit übernahmich neben der wissenschaftlichen Betreu-ung der Textil- und Bekleidungssammlunggemeinsam mit Maria Raid die Sammlungs-bereiche eramik, Glas, Stein, Metall, Holzund Kunststoffe. Daher beschloss ich, diesesMal ein Objekt aus unserer Möbelsammlungvorzustellen. Dafür bot sich einer unse-rerJahreszeitenkästen an, der weitereForschungsinteressen von mir abdeckt:Zeitbewusstsein und Zeitwahrnehmungsowie Glauben und Frömmigkeit. Der Kasten(Inv. Nr. ÖMV/33976) war in der letztenDauerausstellung des Volkskundemuseums(1994–2023) im RaumMythos aufgestelltund seine Türen sind mit Allegorien der vierJahreszeiten bemalt. Oben ist der Frühlingals Frau mit einem Korb voller Blüten undeiner Gartenhippe unter einer Blumengi-rlande und der Sommer als Schnitter mitSense und Rechen unter einem Apfelbaumdargestellt; unten ist der Herbst als weintrau-benbekränzte Frau bei der Apfelernte undder Winter als ein Mann beim Schlachten miteinem toten Schwein und einer toten Ganszu sehen. Die Namen der Jahreszeiten sindin Kartuschen unter die Bilder geschrieben.Zu Verwechslungen sollte es dabei aberkaum kommen, da sich die Verbildlichungder Jahreszeiten seit der Antike nur wenigverändert hat und bestens eingeübt ist. DerKasten ist mit1791 datiert und mit derbarocken, überbordenden Bemalung typischfür die Traunviertler Möbelproduktion dieserZeit, wie sie als Ergebnis der Gegenreforma-tion nach der Verfolgung und Vertreibungder Protestant:innen aus diesem Gebietentstand. Auf den Katholizismus verweisendie Heiligendarstellungen, die sich auf halberHöhe auf dem Türanschlag und auf denSchrägwangen befinden: Florian, Sebastian,Rochus.Der Kasten, der zur Aufbewahrung desTextilschatzes eines reichen Bauernhofesdiente, wurde in Lambach in der Werkstattdes Tischlermeisters Mathias Huember(1737–1811) hergestellt, in der neben Gesellen,wie es üblich war, auch die Frauen undKinder des Hauses mitarbeiteten, die für dieBemalung der Erzeugnisse mitzuständigwaren. Das Dekor zeigt Stilelemente desRokoko wie Blumenvasen oder Maschen,außerdem Blumen und Vögel in Einzelfeldern.Zum Thema Jahreszeit passend wurden in jedrei Feldern ober- bzw. unterhalb derAllegorien die Sternzeichensymbole als Tier-und Menschendarstellungen gemalt. Dasastrologische Konzept von Sternzeichen ausder Antike war über gedruckte Blätter undKalender massenhaft in Verbreitung, so dassauch das damit zusammenhängende Bild-programm schon damals allgemein eingeübtwar. Zur Zeit der Entstehung des Kastenshatte die Aufklärung allerdings bereitsfestgestellt, dass die Vernunft der Astrologieentgegengesetzt ist.Das ändert nichts an der ästhetischenWirkung des Möbelstücks. Der langjährigeDirektor des Museums Leopold Schmidterkor es im Oktober 1951 zumKunstwerkder Woche.Kathrin Pallestrang,Wissenschaftliches/Kuratorisches Team:Sammlungen, ÖZV-Redaktion