Heft 
61 (2026) 3
Einzelbild herunterladen
 

30A B G E S TA U B TTatsächlich abgestaubt.Ein handgemaltes PlakatAlle paar Ausgaben wechselt die Rubrik vonLieblingsobjekt zu Abgestaubt und ich stelleein Objekt aus dem Archiv des Volkskundemu-seums vor. Aufgrund meiner bevorstehendenPensionierung habe ich die Archivagendenbereits am 15. April an meine Kolleg:innenMaria Raid und Johannes Aichinger überge-ben. Sämtliche Archivalien sind wegen derGeneralsanierung des Gartenpalais Schön-born gut verpackt bei einer externen Firmaeingelagert. So habe ich ehrlich gesagtkein Archivthema mehr vorrätig. Aber es gibtein Objekt, das mich emotional berührt hatund an dessen Inventarisierung im Bestandder Sammlung Bild-Druck-Papier durch NoraWitzmann ich mit einer kleinen organisatori-schen Geste beteiligt war, über das ich kurzerzählen möchte.Beim Räumen des Grafikdepots 2024tauchte in einem Regal eine verknitterte undstark verschmutzte lange Papierrolle auf. DasPapier war so brüchig und die Ränder bereitsausgerissen, so dass man die Rolle nur einkleines Stück öffnen konnte. Dieser Einblickreichte, um festzustellen, dass es sich umein handgemaltes Plakat für eine Kartonagen-fabrik in Wien handelt. Da wir von einemumfangreichen Restaurierungsprojekt nochein kleines Stundenplus übrig hatten, konntedas Plakat an die Restauratorin BettinaDräxler übergeben werden, die es gereinigt,geglättet und zur Sicherung auf eine entspre-chend große Kartonplatte kaschiert hat.Neben dem österreichisch-ungarischenDoppeladler präsentiert sich die Kartonagen-fabrik von Anna Ertl, die ihren Sitz in derComeniusgasse 3 im 17. Wiener Bezirk hatte.Anna Ertl übernahm die von ihrem VaterJosef Zak 1866 gegründete Fabrik im Jahre1880. Sie investierte in den Maschinenparksowie in geschultes Personal und brachteetliche Spezialmaschinen der Kartonagen-industrie zur Aufstellung. 1884 erwarb sieein besonderes Patent für Postkartons. Auchfür zerlegbare Exportkartons meldete siezwei Patente an. Die Kunden in den WienerBezirken wurden mit vier Wagen des haus-eigenen Fuhrparks direkt beliefert.Am Plakat sind drei Erzeugnisse aus dembreit gefächerten Sortiment abgebildet: derpatentierte Postkarton, ein Hut- und einBänderkarton. Weitere Produkte warenModisten-, Wäsche-, Rüschen-, Handschuh-,Schuh-, Kleider-, Krägen- und Manschetten-,Puppen-, Spielwaren- und Konfektionskar-tons. Für Warenhäuser wurden kompletteLagereinrichtungen hergestellt.Das Plakat wurde zwischen 1880 und 1915angefertigt und verwendet. Es ist ein wert--volles Zeugnis für handgemalte Produkt-plakate, die aufgrund ihrer Beschaffenheitnur selten erhalten geblieben sind.Elisabeth Egger, Online Sammlung Plusund Sammlungsdigitalisierung