30L I E B L I N G S O B J E K TEine Platane und ihr BildMein Lieblingsobjekt führt in den Hof desVolkskundemuseum Wien im Jahr 1972. EineSchwarz-Weiß-Fotografie zeigt dort die nochjunge und zierliche Ahornblättrige Platane(Platanus × hispanica) vor dicht geparktenAutos. Heute prägt sie den Raum mit mächti-gem Stamm und weit ausladender Krone.Ich mag dieses Bild mit der schlichtenAufschrift„Wirtschaftshof, nördlicher Flügel,Zustand Juli 1972“. Ich mag die Stimmung,den Baum im Zentrum, das Wechselspiel vonLicht und Schatten und die Autos mit ihrenteils kantigen, teils runden Designs, darunterein NSU 1000, ein VW Käfer und ein Steyr-Puch. Am linken Bildrand lugt eine eiserneBrunneneinfassung hervor, und an derHofwand hängen Handwerkszeichen – Muse-umsobjekte, die damals offenbar ganzselbstverständlich im Freien montiert waren.Über das genaue Alter der Platane wurdeoft spekuliert. Unsere Fotosammlung hilft beider Antwort. Auf Hofaufnahmen von 1966 istsie noch nicht zu sehen, 1972 steht dort einschon gewachsener Baum. Irgendwanndazwischen muss er also gepflanzt wordensein. Das schönste Puzzleteil schenkte unsKlaus Beitl, Museumsdirektor von 1978 bis1995, der im Juli 2026 im Alter von 97 Jahrenverstorben ist. 95jährig schrieb er mir überInstagram:„Die Beschaffung eines jungenBaumes habe ich persönlich veranlasst(Datum: nicht mehr erinnerlich, gemessenam späteren Umfang des Stammes jedocheinige Zeit vor 1972). Anlass war die Beschat-tung des Hofes, vor allem aber die Kühlungder im Sommer oft sehr heißen sonnenseiti-gen Arbeitsräume. Auch hat der raschgewachsene Baum dem Innenhof als Veran-staltungsort ein besonderes Ambienteverschafft.“ Die gemütliche Baumbank, die1994 dazukam, hat ebenso Geschichte: Derdamalige Museumstischler Karl Schlosserbaute sie als Geschenk zum 65. Geburtstagfür Klaus Beitl.2025 haben wir die Fotografien zurHausgeschichte des Museums systematischerschlossen und digitalisiert. Erst im Ver-gleich der Aufnahmen aus verschiedenenJahrzehnten wird sichtbar, wie stark sich derHof verändert hat, während der Baum eineKonstante blieb.Heute leistet die Platane klimatischeHöchstleistungen. Eine Studie von 2025zeigt, dass Platanen selbst bei Temperaturenüber 39°C große Mengen Wasser verdunstenund damit ihre Umgebung kühlen. Bei denuntersuchten Stadtplatanen in Genf nahmder Wasserfluss mit steigender Hitze sogarnoch zu. Für eine über 50jährige Platanewerden im Sommer bis zu 500 Liter ver-dunstetes Wasser pro Tag und eine Abküh-lung der Umgebung um beachtliche 7°Cangegeben. Und das ganz ohne Stromver-brauch!Was vor mehr als fünf Jahrzehnten ausganz praktischen Gründen gepflanzt wurde,ist heute angesichts zunehmender Hitzebe-lastung nicht mehr wegzudenken. Währendder Generalsanierung wird die Platanedeshalb besonders geschützt.Mein Lieblingsobjekt ist also ein Foto,das einen Baum zeigt. Oder vielleicht dochder Baum selbst? Er hat keine Inventarnum-mer, passt in keine Schachtel und lässt sichnicht ausstellen. Aber er gehört längst zurGeschichte dieses Hauses – und ich hoffe,dass Besucher:innen unseres neuenMuseums diese und andere Geschichtensamt Fotografien an den Fenstern zum Hofentdecken können. So der Plan …Astrid HammerLeitung Fotosammlung,Volkskundemuseum Wien