Heft 
60 (2025) 3
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28I N T E R V I E WWir wollen nicht mit erhobenemZeigefinger Mahnungen aus-sprechen, sondern Angebotezur ­Beschäftigung mit der­Geschichte machen.Ein Gespräch mit Linda Erker, Leiterin derAbteilung Public History am Dokumentations-archiv des österreichischen Widerstandes,zu Herausforderungen und Chancen desOtto Wagner Areals, ein Ort des Erinnerns.Seit über zwei Jahrzehnten erinnertdas DÖW Dokumentationsarchiv desösterreichischen Widerstandes mit derAusstellung im Pavillon V an die NS-Medi-zinverbrechen, die am Areal begangenwurden. Was waren zentrale Heraus-forderungen und Erkenntnisse in dieser­langjährigen Arbeit?Um so ein Projekt überhaupt starten zukönnen, war zunächst einmal Grundlagen-forschung notwendig. Da haben die ­Kollegenrund um unseren ehemaligen Leiter­Wolfgang Neugebauer auf jahrelange Arbeitzurückgreifen können, teils vereinzelteErgebnisse zusammengetragen und so einegrößere Geschichte erzählt. Eine spezielleHerausforderung bestand in den erstenJahren, also ab der Errichtung 2002, sicherdarin, dass die Arbeit während des laufendenSpitalbetriebs passiert ist. Die Kuratorenmussten die Ausstellung in die Geschichtedes Orts einbetten, also die Verantwortungvon Medizin an einem Ort zeigen, an demdie Medizin noch in der Verantwortung war.Heute gibt es viele Erkenntnisse zu Opfern,Täter:innen und Funktionsweisen derNS-Medizinverbrechen, aber immer nochviel Forschungsbedarf. Das betrifft etwaKontinuitäten nach 1945, sowohlwas den Kontext des Personals betrifft alsauch die Stigmatisierung der ehemaligenPatient:innen.Inwiefern verändert sich die Bedeutungdes Ortes auch in der öffentlichen Wahr-nehmung durch die wachsende Öffnungdes Otto Wagner Areals?Der grundlegende Wandel ist schon passiert.Es ist jetzt kein Spital mehr, und damit auchkein Ort mehr, der aus unterschiedlichenMotiven exklusiv war, sondern es soll einoffenes Areal werden. Es ist sinnvoll, den Ortmit Leben und Aktivität zu füllen, aufgrundder historischen Bedeutung ist aber auchwichtig, dass diese erklärt wird. Für Institu-tionen wie unsere heißt das zusätzlich, dasswir uns neue Formate für ein neues ­Publikumüberlegen müssen. Wir wollen dabei nichtmit erhobenem Zeigefinger ­Mahnungen­aussprechen, sondern Angebote zurBeschäftigung mit der Geschichte machen.Wie greifen die Ausstellung, die neuenStraßennamen am Areal und die­Geländerundgänge räumliche Spurender Geschichte auf?Wir befinden uns am OWA an einem Ort vonVerbrechen und Widerstand, das spiegeltsich jetzt schon in unseren Aktivitäten wider.Dabei gibt es verschiedene Ansätze, mitden temporären Straßennamen könnenwir zum Beispiel fünf sehr unterschiedlichePersonen mit verschiedenen Anknüpfungs-punkten zu dem Gelände über Biografienerzählen von der als Schlurf verfolgtenjungen Frau bis zur Fürsorgerin. Bei derAusstellung im Pavillon V ist die Verortungalleine schon durch den Ort gegeben, derden Besucher:innen sehr präsent wird. Undunsere monatlichen Rundgänge passierenim Dialog, wir wollen in einem Austausch mitLeuten sein, die ihre eigenen Geschichtenund Assoziationen zum Gelände mitbringenund teilen können.