Heft 
60 (2025) 3
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34L I E B L I N G S O B J E K TGlaube in alten Lettern:Das Predigtbuch von Pelbartusde Temesvár(1435–1504)In einer Zeit, in der Informationen in Sekun-denschnelle digital zur Verfügung stehen,wirkt ein Buch aus dem Jahr 1505 wie einRelikt aus einer anderen Welt und genaudarin liegt sein besonderer Zauber. Dennes ist weit mehr als ein bloßer Textträger.­Dieses Frühdruckwerk ist ein kulturhistori-sches Objekt, das wertvolle Einblicke in dieWelt seiner Entstehungszeit bietet.Schon seine äußere Gestalt Einband,Material, Schriftbild und Layout erzählt vonden handwerklichen Techniken, ästhetischenVorstellungen und materiellen Möglichkeitenin der frühen Neuzeit. Der Inhalt ­wiederumöffnet ein Fenster in das Denken, die Werteund den Alltag der Menschen vor über500 Jahren. Die Beschäftigung mit solchenObjekten lässt Geschichte lebendig werdenund bringt faszinierende Geschichten ansLicht.Pelbartus, wie der Druck in Kurzformgenannt wird, ist das älteste Werk im Bestandder Bibliothek des Volkskundemuseum Wien.Sein vollständiger Titel lautet Sermonespomerii de sanctis hyemales et estiuales.Es handelt sich um eine Sammlung von­Predigten, verfasst in lateinischer Sprachewie in den Klöstern und im gelehrten Umfeldder damaligen Zeit üblich. Der Text zähltzu den Klassikern der spätmittelalterlichenPredigtliteratur.Über den Autor Pelbartus von Temesvárist nur wenig bekannt. Er wurde um 1435 inTemeschburg(ungarisch: Temesvár, rumä-nisch: Timis˛oara), einer Stadt im ­damaligenKönigreich Ungarn(heute Rumänien),­geboren und studierte Theologie an derUniversität Krakau. Als franziskanischerTheologe unterrichtete er die Lehrsätze(­Sentenzen) des Alten und Neuen Testa-ments. Er verfasste Bibelkommentare undPredigten. Parallel dazu begann er, seineSchriften zu veröffentlichen, die sich nichtzuletzt dank des aufkommenden Buchdrucks schnell verbreiteten, weit über die Landes-grenzen hinaus. Seine Texte sind lebendigund anschaulich, reich an Bibelzitaten undverweisen auf antike Autoren. Danebenverarbeitete er Legenden, volkstümlicheÜberlieferungen sowie lehrreiche Fabeln.Pelbartus starb um 1504 in Ofen, dem­heutigen Buda, einem Teil von Budapest.Der erhaltene Druck umfasst 315 unge-zählte Blätter aus Hadernpapier und istin einen auf Holz geleimten Schweinsleder-einband gebunden. Die Buchdeckel sind